Bedürfnisse äußern

Es ist so einfach, zu sagen, was man möchte – oder?

Ich erlebe oft, dass Menschen nicht sagen, was sie wollen, sondern erwarten, dass der andere das doch bitte erspüren möge. Und dann wird anderen vorgeworfen, dass sie nicht einfühlsam oder rücksichtslos sind. Und das, obwohl derjenige selber gar nichts gesagt hat! Er hat nie gezeigt, was er eigentlich will. Da frage ich mich: Wieso erwarten wir von anderen, dass sie unsere Bedürfnisse erahnen, anstatt uns einfach klar und eindeutig zu äußern?

Ich glaube, es liegt daran, dass uns das als Kind abgewöhnt wird, zumindest in vielen Familien ist das so. Ich erinnere mich, dass meine Mutter gerne sagte “Der Müll ist so voll”, wenn sie wollte, dass ihn jemand hinausbringt. Und ich erinnere mich auch noch an meine Verwunderung als Kind, wieso sie nicht einfach fragt. Später im Erwachsenenleben fiel mir so etwas immer weniger auf.

Auch Partnerschaften funktionieren manchmal so, dass keiner Bedürfnisse nennen sollte. Nach und nach hören wir dann aufgrund der Vorerfahrungen wohl damit auf. Oder wir lernen es nie richtig, ja, vielleicht wissen wir nicht mal so ganz genau, was wir eigentlich wollen. Geschweige denn, dass wir gelernt hätten, es klar und freundlich zu sagen. Sicherlich erfordert es auch etwas Mut und kommunikative Fähigkeiten, zu den eigenen Wünschen zu stehen und diese auszudrücken.

Wie macht man das also? Als erstes hilft es sehr, in sich hinein zu spüren, sich vielleicht sogar kurz eine ruhige Ecke zu suchen, um herauszufinden, was man selber gerade braucht oder möchte. Dann sagt man schlicht und einfach: „Ich wünsche mir, dass…“ oder „Ich brauche momentan….“, ohne Vorwurf („Du machst ja nicht von Dir aus“) und ohne Druck („Wenn das nicht passiert, dann…“) und auch ohne langatmige Erklärung und Rechfertigung, sondern nur so. „Ich möchte, dass Du anrufst, wenn Du spät nach Hause kommst.“ Oder „Ich habe Hunger und würde jetzt gern etwas essen.“ Oder „Ich fühle mich einsam und wünsche mir eine Umarmung.“

Eines ist dabei aber ganz wichtig: Nicht erwarten, dass der andere das jetzt auch auf der Stelle tut!

Es ist erstens keineswegs so, dass unser Umfeld nichts anderes zu tun hat, als unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Zweitens haben andere auch Bedürfnisse, die den eigenen zuwiderlaufen können.

Es wird auch irritierte Reaktionen geben, das ist normal, wenn man etwas anders macht, was man zuvor konsequent vermieden hat. Natürlich sind die anderen erst einmal verwirrt oder verunsichert oder gar ablehnend. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das Umfeld nun damit konfrontiert ist, dass man selber etwas tut, was die anderen vielleicht auch gerne täten, sich aber nicht trauen. Also einfach freundlich und entspannt bleiben und den anderen Zeit geben, sich an das neue Verhalten zu gewöhnen.

Trotzdem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Bedürfnis befriedigt wird, massiv, wenn man es konkret benennt. Und das wiederum macht zufriedener, und in der Folge vielleicht sogar ein wenig gesünder.

Oder – anders gesprochen – wenn man nichts sagt, ist es ziemlich sicher, dass man enttäuscht wird. Also nur Mut – einfach mal ausprobieren und schauen, was geschieht. Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden.